Kampf gegen die Schwerkraft

Danke Dominik!

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Keine Frage – die Felswände des Basler Jura können nicht mit alpinen Dimensionen mithalten. Oft ragen die Flühe nicht einmal über den Wald hinaus. Basels Hausberg, der Gempen, wartet mit einem Felsriegel «in Gipfelnähe» auf, aber wirklich imposant ist das nicht. Dennoch wird im Basler Jura viel und auf hohem Niveau geklettert, auch am Gempen. Einige Gebiete erlangten gar weltweite Aufmerksamkeit, als hier neue Massstäbe gesetzt wurden.

Kaum Gefahren, trotzdem schwierig

Die Kletterei im Basler Jura kann nicht verglichen werden mit jener an der Eiger-Nordwand. Es sind nicht etwa Steinschlag, Wetterumstürze oder blockierte Rückzüge, welche die Schwierigkeiten ausmachen. Vielmehr ist physisches Vermögen entscheidend, Launen der Natur sind meist sekundär. Von Sportklettern ist dann die Rede. Ziel ist nicht etwa ein Gipfel, sondern das Begehen einer Linie durch den Fels im freien Stil, also ohne technische Hilfsmittel zur Fortbewegung und ohne Sturz ins Seil. Dabei gilt das Interesse längst nicht mehr dem einfachsten Weg, sondern vielmehr dem schwierigsten.

So wurde das Menschenmögliche über die Zeit immer wieder neu definiert. Die Routen sind zwar oft kurz, doch der Jurakalk meist glatt und griffarm. An den kleinsten Felsstrukturen werden die steilsten Felsen erklettert, um dann unspektakulär auf einer Fluh zu enden. Grosse Anstrengung, kein Gipfel – es drängt sich die typische Aufwand-und-Ertrag-Frage auf. Doch Sportklettern ist eine moderne Sportart und als solche unter der ebenfalls modernen Erkenntnis aufgewachsen, wonach der Weg das Ziel ist.

Als die Kletterwelt nach Basel schaute

Ende der siebziger Jahre erlangten die Basler Flühe den Ruf von schwierigen Herausforderungen und erregten so das Interesse der besten Kletterer weit über die Landesgrenzen hinaus. Mitte der achtziger Jahre beherbergte das Chuenisbärgli am Blauen die damals schwierigste Sportkletterroute der Welt, als der französische Spitzenkletterer Antoine LeMenestrel die Route «Ravage» erstmals beging und mit 8c bewertete, einem neuen und welweit noch nie erreichten Schwierigkeitsgrad.

Ein anderes Stück Fels, das durch seine Bekletterung weltweite Beachtung erlangte, ist an der Tüfletenflue, oberhalb Dornach. Dieser Rund dreissig Meter hohe Felsriegel enthält einen Überhang, der glatter nicht sein könnte und daher nicht gerade einladend für Kletterer wirkt. Dennoch, oder gerade deswegen, nahm der Basler Kletterer Eric Talmadge 1987 die Herausforderung an. Erst im Jahr 2001, nach unzähligen Versuchen verteilt über 13 Jahre, gelang ihm die Erstbegehung der Route, die episch «Im Reich des Shogun» heisst und bis heute erst eine einzige Wiederholung durch Adam Ondra gesehen hat – dem derzeit wohl stärksten Kletterer der Welt. Der Tscheche verbindet das Klettern mit Lauten der Anstrengung und Leidenschaft, die jedes Tennis-Gestöhne wie ein verhaltenes Räuspern erscheinen lassen.

Das Video zeigt Adam Ondra vergangenen Frühling bei der Erstbegehung der neo-schwierigsten Route der Welt, mit dem noch epischeren Namen «Change» und dem neuen Grad 9b+. Ondra gibt darin Einblick in die teifgreifende mentale Auseinandersetzung, welche dieses Projekt ihm abverlangte.

Spiegelbild des Lebens

Vom «Projektieren» reden die ambitionierten Kletterer, wenn sie die gleichen Felsmeter immer und immer wieder versuchen und einstudieren, auf der Suche nach Lösungen, um die oft komplexen Bewegungsabfolgen zu meistern. «Mensch gegen Fels», sagt der Basler Kletterer und Szenenkenner Max Mittmann treffend. Laute der Verzweiflung, wenn der Durchstieg immerzu misslingen will, hallen durch die herbstfarbenen Jurawälder, jener stummen Zeugen, die schon so vieles gesehen haben und auch einen abschmierenden Kletterer unkommentiert belassen.

Es seien ehrliche Auseinandesetzungen mit der Natur, wenn die Gravitation einem den Weg weist, meint Mittmanns Sicherungspartner Gusti Gams. Ein Spiegelbild des Lebens. «Letztlich fügt sich doch alles der Gravitation, nicht wahr?», sagt Mittmann mit nachdenklichem Blick in den Wald. Wir befinden uns an der Falkenflue, unweit des Denkmals, das an den verheerenden Flugzeugabsturz von Hochwald erinnert.

Umso befreiender sei das Gefühl, wenn man schlussendlich unmachbar Geglaubtes meistern, eine Felswand bezwingen, sich der Gravitation widersetzen, und schliesslich einen Schrei der Befreiung über die Baumkronen senden kann. Mittmann und Gams wissen wovon sie sprechen, sie haben an der Falkenflue schon viel geklettert.

Willkommene Aktiv-Erholung

Eine grosse Anzahl gemässigter Klettertouren gibt es im Basler Jura auch, und manch eine lokale Kletterikone erinnert sich gerne an ihre erste Felsfahrt am Gempen, Schauenbergerflue, Pelzli, Falkenflue und wie die Felsen sonst noch so heissen. Zum Beispiel Michel Steil, ein oft gesehener Gast an den hiesigen Felsen. Im Alltag ein viel beschäftigter Verkehrsplaner, schätze er den enormen Kontrast, den ihm das Klettern gibt. Steil klettert wie er heisst, ja sogar steiler, vielleicht sogar am Steilsten und brüllt voller Enthusiasmus aus der Wand: «Hier geht es nicht mehr um Exceltabellen und Tarifverbünde, es zählt nur noch der nächste Griff!»

Steil ist nicht der einzige, der jenen Kontrast zu seinem Berufsleben sucht. Er will auch Prominente kennen, die den Felsen verfallen sind, nennt aber keine Namen. Nur so viel: Politiker, Akademiker, Ärzte und SRF-Meteorologen seien regelmässig an den Basler Felsen zu finden. Und nebst stressigem Alltag teilen sie dann alle Eines: das Verlangen nach dem nächsten Griff.

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